Interview
“Unsere Technologie wird uns am Leben halten”

Ich habe ihn Ende November in München zum Kaffee getroffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch Google als Arbeitgeber in all seinen Social-Media-Profilen stehen. Jetzt steht dort nur noch Designer und Creative Evangelist.
Klar, dass das Interview mit der Frage beginnen musste, warum er jetzt nicht mehr bei Google arbeitet. Schnell geht es dann jedoch um andere Themen: Startups, die Rolle von Design in der Unternehmenskultur und wie Technologie uns zu dem macht, was wir sind.
Warum hast du dich entschieden, Google zu verlassen?
Es gibt heute überall so viele Möglichkeiten und Optionen. Für Menschen mit Unternehmergeist gibt es keine bessere Zeit, um Dinge auszuprobieren. Davon abgesehen gibt es zwei Gründe, warum ich beschlossen habe, Google zu verlassen: Ich wollte erstens wieder zu dem zurück, was ich wirklich liebe, nämlich Design und Sachen machen. Ich glaube, dass sozialer Einfluss und neue Arbeitsplätze von denen geschaffen werden, die neue Sachen ausprobieren und Risiken eingehen – und ich habe das Gefühl, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.
Zweitens arbeiten bei Google mehr als 60.000 Menschen, das Unternehmen ist riesig und viel prozessorientierter als früher. Dadurch verändert sich auch die Unternehmenskultur. Du kannst versuchen, deine Ideen in einem Unternehmen umzusetzen, oder zum Beispiel in einem Startup. Nachdem ich die letzten vier Jahre in einem der agilsten und startup-ähnlichsten Konzerne gearbeitet habe, ist es Zeit, was ich dort gelernt habe in einem Kontext anzuwenden, der zu mir spricht – nämlich in ambitionierten Organisationen wie Startups.
Bei Google hattest du den Jobtitel Creative Evangelist. Was bedeutet das genau?
Im Prinzip ging es um eine Frage: Wie kannst du Leute dazu bringen, Google in einem kreativen Licht zu sehen? Wenn du an Google denkst, geht es sehr viel um Technologie. Meine Rolle war rauszugehen und den Leuten Lust zu machen auf die Möglichkeiten, die Google bietet. Ich habe viele Keynotes und Workshops gehalten, bin auf viele Veranstaltungen gegangen und habe Kunden wie Zalando und BMW die Arbeit von Google schmackhaft gemacht. Ich habe diesen Job geliebt. Google ist ein Ort, an dem du bis zur Rente bleiben könntest, wenn du das willst. Ich bin aber mehr der Unternehmer-Typ und wollte wieder zu meinem Ursprung zurück, wollte wieder mehr selbst machen und designen.
Was ist denn jetzt dein nächster Schritt, beruflich?
Ich werde Designpartner in einer Venture-Capital-Firma. Außerdem werde ich weiter Keynotes halten, auf Konferenzen sprechen und mit ambitionierten Menschen in mutigen Organisationen zusammenarbeiten.

Was genau wirst du als Designpartner tun?
Wir sind an Seed-Runden bis zu A-Runden beteiligt und investieren in InsurTech-Unternehmen. Versicherung umfasst eigentlich alles, vernetzte Häuser, Gesundheit, Quantified Self, autonome Autos. Die Versicherungsbranche hat sich in den vergangenen Jahren nicht verändert, sie ist sehr undurchsichtig. Gleichzeitig ist es eine riesige Industrie, circa 5 Billionen Dollar weltweit. Die Frage, die wir uns stellen, ist: Was können wir tun, um diese Branche wirklich zu transformieren in eine nutzerzentrierte, zukunftsorientierte Industrie?
Mich interessiert diese ganze „Ich will mein Leben leben und mich nicht um die Risiken kümmern“-Sache, denn genau darum geht es ja im Versicherungsbereich. Als Design-Partner werde ich versuchen, eine Design-DNA in die Kultur unserer Startups zu integrieren. Wenn du an zwei Unternehmen denkst, Zappos in den USA und Zalando in Deutschland, dann machen beide dieselbe Sache. Was sie unterscheidet ist das Design, die Kultur. Und mit Design meine ich nicht nur die Ästhetik, sondern auch die User-Experience und wie das Produkt sich anfühlt.
Gibt es Unternehmen, bei denen du sagst: Die machen alles richtig in Sachen Design?
Apple ist die Nummer eins. Design war bei Apple immer eine Priorität, als Steve Jobs zurückgekommen ist und auch schon davor. Bei Google hingegen ging es immer mehr um die Technik, um die Software. Erst als Larry Page 2011 zurück ins Unternehmen gekommen ist, wurde Design wichtiger und Google ist mittlerweile viel besser darin, aber eben noch nicht auf demselben Level wie Apple.
Natürlich gibt es auch ältere Unternehmen wie Braun mit Dieter Rams, und neue Unternehmen wie AirBnB und Uber, die ein wirklich gutes Design haben. Es geht darum, die Nutzer zu verstehen und alles darauf aufzubauen. Du merkst es an den Produkten, wenn Unternehmen einen Sinn für Design in ihrer DNA und ihrer Kultur integriert haben.
Für mich ist gutes Design ja, wenn ein Produkt unglaublich einfach zu bedienen ist.
Genau, wenn es so intuitiv ist, dass du nicht darüber nachdenken musst.
Uber zum Beispiel. Du bestellst es, steigst ein…
…und dann steigst du einfach wieder aus. Es funktioniert reibungslos. Und das ist es, was es so charmant macht: Du bestellst das Auto, du siehst, wo es ist und wenn du aussteigst, musst du dich nicht mit deiner Kreditkarte oder mit Bargeld rumärgern oder noch nach einer Rechnung fragen. Du gehst einfach. Und in diese Richtung geht die gesamte Branche: Wie können wir das Leben von Menschen einfacher machen? Ich nenne das frictionless, reibungslos, weil alle Reibungsverluste beseitigt werden.
Aber natürlich musst du als Nutzer deine Daten offenlegen. Dafür bekommst du ein auf dich zugeschnittenes Erlebnis. Das ist dasselbe, wenn du zu deinem Friseur gehst oder in dein Stammrestaurant: Sie kennen dich dort, weil du immer wieder kommst und sie wissen, was du magst und ob du Vegetarier bist. Dieser Deal gilt für alle Dienstleistungen, die wir in Anspruch nehmen: Sie können dazulernen, aber dafür brauchen sie deine Daten. Es wird Menschen geben, die dafür offen sind und die dadurch einen Vorteil haben. Der Nachteil ist natürlich, dass die Leute, die zu viel offenlegen, auch viel zu verlieren haben.
Ich gebe deutlich lieber meine Daten her, wenn für mich sofort ersichtlich ist, was ich daraus für Vorteile habe.
In Hamburg gibt es die Drogerie Budni und die fragen immer: Haben Sie eine Budni-Karte? Viele Kunden haben eine. Sie denken gar nicht darüber nach, dass ihr gesamtes Einkaufsverhalten gespeichert wird, weil der Vorteil so überwältigend ist: Sie bekommen Rabatte. Menschen teilen ihre Daten lieber, wenn sie wissen, dass sie etwas im Gegenzug bekommen und das auch direkt spüren, wenn der Vorteil direkt ersichtlich ist. So wie bei der Budni-Karte.
Bei anderen Themen ist das nicht so – und sie sind deshalb viel schwerer zu fassen, weil man kein Gefühl für die Konsequenzen hat. Die US-Wahl ist ein Beispiel dafür. Die Leute haben vergessen, wie schlimm es vor acht Jahren war, mit der Rezession und der Bankenkrise. Es ist einfach zu lange her. Die Wahl von Trump hat gefühlt keine direkte Konsequenz für sie. Dasselbe Problem haben wir auch mit Global Warming: Wenn du alleine im Auto fährst oder Entscheidungen triffst, die den Planeten negativ beeinflussen, hast du in dem Moment kein greifbares, instinktives Gefühl für die Konsequenzen.
Könnte Technologie dabei helfen, diese Konsequenzen sichtbarer zu machen?
Ich glaube, Technologie ist teilweise schuld daran, dass wir überhaupt so wenig auf die Konsequenzen achten. Seit der US-Wahl sprechen wir ja viel über Filterblasen. Wenn du in deinen Facebook-Feed schaust und auf die Leute, denen du folgst, siehst du immer dasselbe. Es ist so einfach Leute und Meinungen auszublenden, mit denen du nicht konfrontiert werden willst. Bis du merkst, dass du gar nicht wusstest, was außerhalb deiner Blase los ist. Da spielt auch die Frage nach Empathie mit rein: Wie kannst du Empathie erzeugen, wenn es so einfach ist, Menschen auszublenden?
Ich glaube, Technologie sollte uns dabei helfen, aber darum geht es den meisten Unternehmen nicht. Stattdessen geht es um Klicks und Sales. Das zeigt auch die Diskussion um Fake News. Natürlich werden Facebook, Google und Co Fake News zulassen, weil sie jedes Mal Geld machen, wenn du auf so eine Nachricht klickst. Jetzt wird das diskutiert, klar, aber am Ende geht es um den Profit und nicht um die Menschen.
Sollten wir also das ganze System über den Haufen werfen und neu anfangen darüber nachzudenken, auf welche Daten wir schauen und wie wir Erfolg messen?
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das nachhaltig ist, weil in jedem Unternehmen Erfolg durch Profit gemessen wird. Um Profit zu machen, musst du – einfach gesagt – billig kaufen und teuer verkaufen. Das bedeutet aber auch, dass wir am Ende immer etwas verlieren. Es müsste andere Arten geben Erfolg zu messen, zum Beispiel Mitarbeiterzufriedenheit. Aber wir leben im Kapitalismus. Es gibt Unternehmen, die das versuchen, Etsy, Patagonia, Warby Parker. Das sind meist jüngere Leute, die mehr auf die Zukunft schauen.
Und die oft näher an Technologie dran sind. Auf einer Konferenz hast du gesagt, dass die einzige Sache, die uns von anderen höheren Säugetieren unterscheidet, Technologie ist. Dass Technologie uns menschlich macht.
Wenn du mit einem Hardcore-Wissenschaftler redest, würde der das wahrscheinlich anders sehen, aber ja, ich glaube schon. Wir sind die einzige Spezies, die sich tatsächlich durch Technologie weiterentwickelt hat. Wir sind im Prinzip immer noch genauso wie vor 5000 oder 10.000 Jahren, während sich andere Arten physisch weiterentwickelt haben. Unsere Technologie wird uns am Leben halten, genau wie unser Wille, länger zu leben oder Mars zu besiedeln. Viele Menschen haben Angst vor Technologie, weil sie Veränderung bedeutet, aber am Ende ist Technologie neutral. Wenn Künstliche Intelligenz entwickelt wird, versuchen Menschen, sie zu personifizieren. Dabei funktioniert KI genau wie ein Baseball-Schläger: Er kann für Gutes genutzt werden – zum Baseball spielen – oder um jemanden zu verprügeln.
Ich glaube, viele Leute haben das Gefühl, dass Technik ihr Leben dominiert – und haben deshalb Angst davor.
Es gibt all diese schlauen Menschen, die bei Unternehmen wie Facebook und Amazon nur daran arbeiten, Menschen zum Klicken zu bewegen und möglichst lange in der App zu halten. Ich glaube, es muss eine gesunde Balance geben. Wir sollten Erlebnisse schaffen, die nicht nur darauf basieren, dass man ständig aufs Telefon starrt. Ich finde es aufregend, dass die nächste Ära des Computers allgegenwärtig sein wird, um uns herum. So werden wir das Telefon los und können uns einfach unterhalten – und die Technologie ist in unsere Umgebung eingebettet.
Wie können Unternehmen und Menschen in Unternehmen kreativer sein?
Damit ein Unternehmen kreativ sein kann, muss es darauf vertrauen können, dass seine Mitarbeiter Interesse daran haben, etwas von Wert zu schaffen. Es geht darum, nicht zu sehr in der Vergangenheit stehenzubleiben. Wir entwickeln uns von Knappheit zu Fülle. Aber alle Unternehmen aus dem 20. Jahrhundert basieren auf Knappheit. Schau dir einen Verlag wie die New York Times an: Die hatten ein Geschäftsmodell, das auf der Knappheit von Nachrichten und Geschichten basierte. Heute, im 21. Jahrhundert, haben wir aber Nachrichten im Überfluss und die New York Times konkurriert mit allen anderen Anbietern. Das alte Geschäftsmodell kann so gar nicht mehr funktionieren. Dasselbe gilt für die Musikindustrie: Shawn Fanning hat 1999 Napster erfunden und das hat die gesamte Branche auf den Kopf gestellt. Auf der anderen Seite gibt es keine bessere Zeit als heute, wenn du Musiker bist. Das bedeutet nicht, dass du reich wirst, aber es ist so einfach, Musik zu machen und verbreiten und das finde ich toll.
Gibt es bestimmte Dinge, auf die Unternehmen achten können, damit sie kreativ bleiben?
Unternehmen müssen sich erlauben, kreativ zu sein. Der wichtigste Punkt dafür ist Diversity. Für mich geht es bei Kreativität darum, Punkte zu verbinden und etwas Neues aus diesen Verbindungen zu schaffen. Wenn wir beide in derselben Stadt aufgewachsen sind, unsere Eltern dieselben Jobs hatten, dann unterscheiden wir uns nicht. Dann gibt es nur eine Sichtweise, einen Punkt, den wir verbinden können. Das ist ein Problem, das viele Unternehmen haben, besonders hier in Deutschland. Die Führungsriegen der großen Unternehmen sehen alle gleich aus, es gibt kaum Frauen in Spitzenpositionen. Und das ist nur das Geschlecht. Es geht aber auch um diverse Perspektiven. Wenn du Trump unterstützt und ich Hillary, ist das gut, weil wir diese unterschiedlichen Ansichten brauchen.
Der zweite Punkt ist, den Status Quo in Frage zu stellen. Warum tun wir Dinge immer noch so wie vor 100 Jahren? Mitarbeiter stellen nicht in Frage, warum sie Dinge tun, sie tun sie einfach. Aber wenn sie dann doch mal bei ihren Chefs nachfragen, kriegen sie zu hören: Wir müssen ans nächste Quartal denken, das nächste Quartal ist wichtig. Ist es auch. Aber die Frage ist, ob man kurz- oder langfristig denkt. Die meisten Unternehmen denken kurzfristig.
Der dritte Punkt ist eine Tendenz zum Handeln. Wenn du eine Idee hast, ist das zwar nett, aber Ideen sind wertlos, bis du sie umsetzen kannst. Die meisten Unternehmen können Dinge nicht umsetzen und sind nicht schnell genug, und das hat mit dem zweiten Punkt zu tun. Und selbst wenn sie versuchen, etwas Neues zu machen, heißt es oft: Das hilft uns nicht bei den Quartalszielen, also geh lieber wieder zurück an die Arbeit.
Wie schaffst du es selbst, kreativ zu bleiben?
Das Wichtigste ist, die eigene Routine zu durchbrechen. Kinder haben nicht viel Routine, weil alles für sie neu ist. Selbst wenn sie zur Schule gehen, passiert dort ständig etwas Neues und sie entdecken immer wieder etwas, das sie noch nicht kannten. Als Erwachsene müssen wir von Kindern lernen. Das ist total schwer, weil Routine ist sicher und warm und gemütlich. Aber genau so entsteht Kreativität. Wenn ich nicht auf Death Metal stehe, du mir aber trotzdem eine Death-Metal-Band aus Norwegen zeigst, finde ich das spannend, weil es für mich neu ist. Es geht einfach darum, mal etwas anderes zu machen. Menschen sind Gewohnheitstiere und das ist zu einem bestimmten Grad gut, aber es ist auch wichtig, Kreativität zur Gewohnheit zu machen und neue Dinge zu versuchen.
Was hast du denn in den letzten Wochen neues probiert?
Ich bin zum ersten Mal mit Air Berlin geflogen, das war eine neue Erfahrung. Ich war surfen in Portugal, das hat Spaß gemacht. Und wenn du Kinder hast, erlebst du ständig etwas Neues. Die Eintrittshürde für Kreativität ist nicht besonders hoch. Die meisten Leute glauben, sie müssten ein Buch schreiben oder eine neue Fähigkeit erlernen. Dabei geht es vielmehr darum, einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit zu gehen oder ein neues Restaurant zu probieren.
Da geht es uns genau wie Künstlicher Intelligenz: Je mehr Input eine KI bekommt, desto besser wird sie. Das ist bei Menschen nicht anders: Je mehr Input wir haben, desto kreativer und offener werden wir. Die wirklich wichtige Frage für mich ist deshalb: Wie können wir bessere Menschen sein, individuell und alle zusammen?
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Originally published on LinkedIn by Sara Weber
Bestselling Author, Expert on the Future of Work, AI and Technology, Keynote Speaker

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